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28 Künstler widmen der Ausstellung Blind Faith (Blindes Vertrauen) im Haus der Kunst in München ihre Betrachtungsweise zu unserer heutigen Zeit. Harte Tatsachen verlieren zunehmend an Gewicht in einer Zeit, in der sich in heutigen Gesellschaften ein Gefühl „blinden Vertrauens“ breit macht.

Die Gegenwartskunst reagiert auf diese Tendenz, indem sie sich intensiv mit Körper und Geist beschäftigt: mit dem Viszeralen und dem Kognitiven. Die Ausstellung versammelt 28 international aufstrebende Künstler, die Konzepte von Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Meinung und Glauben mit den unterschiedlichsten Mitteln unter die Lupe nehmen:

Ed Atkins, Kader Attia, Olga Balema, Melanie Bonajo, Mariechen Danz, Cécile B. Evans, Andrea Éva Győri, Benedikt Hipp, Nicholas Hlobo, Marguerite Humeau, KAYA, Hanne Lippard, Wangechi Mutu, Otobong Nkanga, Naufus Ramírez-Figueroa, Jon Rafman, Mary Reid Kelley, Lili Reynaud-Dewar, Raphael Sbrzesny, Jeremy Shaw, Teresa Solar Abboud, Jol Thomson und David Zink Yi.

Der Körper mit seinen inneren und äußeren Organen stellt für mehrere KünstlerInnen eine historische und gleichzeitig sinnliche Quelle des Wissens dar. Auf der Suche nach der Wahrhaftigkeit von Welterfahrung durchläuft der Körper auch Zustände der Ekstase, des Rausches, Krisen wie Krankheit oder wird auf eine spirituelle Reise geschickt.

Raphael Sbrzesny bringt eine Vielzahl von stählernen Korsetten zum Einsatz. Das Korsett als „Selbstzwang-Apparatur” (Norbert Elias) stand einst für die unerbittliche Disziplinierung des Körpers, bis hin zu dessen Schädigung. Bei Sbrzesny entwickelt das Korsett Qualitäten eines Schlaginstruments: Die Druckverhältnisse im Körper werden hörbar. Autoimmunreaktionen, Panikattacken, Gichterkrankungen, Entzündungen und Stressreaktionen des Körpers finden besondere Beachtung. Kader Attia wendet sich Konzepten des Wahnsinns zu. Sein dokumentarisch angelegter Film „Reasons’s Oxymoron” führt die andere Seite der Vernunft, Psychoanalyse und alternative Heilung zusammen und schärft den Blick dafür, dass das Verständnis von psychischer Krankheit je nach Kulturkreisen variiert.

Lili Reynaud-Deward widmet sich mit „TEETH GUMS MACHINES FURTURES SOCIETY” einer Grenze des Körpers nach außen, den Zähnen. Als einziger Teil vom menschlichen Skelett sind sie beim Sprechen und Lachen sichtbar. Die Künstlerin stellt ihre Vision von einer Welt ohne Diskriminierung vor, in der Zähne und Zahnaufsätze jenseits von Herkunft ein Ideal der Gleichheit ausdrücken, und lässt ein Panorama der Vielstimmigkeit entstehen.

Das anatomische Studium von einzelnen Organen ist seit der Renaissance Bestandteil künstlerischer Forschung und findet in „Blind Faith” seine zeitgenössische Fortsetzung: In der Rauminstallation von Mariechen Danz „Womb Tomb” sind zahlreiche einzelne Organe zu sehen. Ihre Umrisse werfen sanfte Schatten an die Wände und lassen an das Höhlengleichnis des Plato denken. Danz verleiht den unterschiedlichen Instanzen des Körpers eine eigene Stimme. Bei Mary Reid Kelley wird der Betrachter zunächst Zeuge der Untersuchung, die ein Arzt an einem Selbstmordopfer durchführt („This is Offal”). Auch das zentrale Werk im zweiten und größten Raum der Ausstellung stellt ein Organ dar: „Tyaphaka” (zu Deutsch: „Kugel mit Wasser” oder „Auge”) von Nicholas Hlobo windet sich wie eine riesige, darm- oder walartige Skulptur aus Gummischläuchen und bunten Bändern durch den Raum. Teresa Solar Abboud schuf eine Reihe von fleischfarbenen Keramiken, die von Metallständern getragen werden. In den Werken von Jon Rafman, und auch von Andrea Éva Győri wiederum sind nicht Organe, sondern Körperöffnungen das zentrale Instrument für das Verständnis der Welt.

Ed Atkins setzt digitale Technologien ein, um gezielt deren Defizit an Glaubwürdigkeit zu kritisieren. Sein Avatar in „Safe Conduct” nimmt sich die Haut Schicht für Schicht so mühelos ab, als wäre sie eine Latexmaske. Die Situation geht über das für einen Menschen körperlich Vorstellbare hinaus, und gleichzeitig über die ethischen Strukturen, die der Mensch zu seinem Schutz aufgebaut hat.

Ebenfalls skeptisch blicken Hanne Lippard und Naufus Ramírez-Figueroa; ihnen geht es um die Ausbeutung menschlicher Ängste durch die sozialen Medien, die Emotionen wie eine Ware behandeln und vor Manipulation nicht zurückschrecken. Die Mechanismen, die hier greifen und den Nutzer locken, sind letztlich Mechanismen der Gier, z.B. nach sozialer Anerkennung oder nach materiellem Konsum. Auch Cécile B. Evans widmet sich in „Sprung a Leak” der Durchlässigkeit zwischen privaten und in sozialen Medien öffentlich gemachten Lebensbereichen. Im Zentrum ihrer automatisierten Performance stehen zwei menschlich anmutende Roboter, ein Hunderoboter sowie ein Springbrunnen, die auf eine Vielzahl von Informationen der 27 Bildschirme reagieren. Ihre primäre Sorge kreist um den vermeintlichen Tod der Beauty-Bloggerin Liberty, in die der Roboterhund verliebt ist.

Von Konsum und materiellen Zwängen wendet sich Melanie Bonajo bewusst ab. In ihrer Filmtrilogie „Night Soil” untersucht sie die Faszination, die von alternativen Lebensweisen ausgeht. Der erste Film der Serie thematisiert das Interesse an Ayahuasca, einem psychedelischen Gebräu auf Pflanzenbasis, das von den Völkern des Amazonas seit Jahrtausenden verwendet wird, und inzwischen auch vermehrt von Bewohnern städtischer Zentren eingenommen wird. In „Fake Paradise” tastet sich die Künstlerin an die Schnittstelle von körperlosem Cyberspace, psychedelischem Rausch und außerkörperlicher Erfahrung heran.

Tiefere Berührung mit dem Geistigen mag ein Ausweg sein – durch Hinwendung zu Religion, zu Spiritualität. Auch Jeremy Shaw ging es zunächst um die Wirkung von psychoaktivierenden Drogen, bevor er sich in seinen Filmen Schlangenritualen, Phänomenen wie Zungenreden, Trance, und Praktiken wie Yoga oder Atemübungen zuwandte. In ihnen löst sich die Struktur des Ego mit seinen Beschränkungen auf. Der Mensch und sein Leid – diese Größen relativieren sich auch, blickt man auf ihren Platz im Universum, oder auf die Weiten der Natur. Über das in einem Berg gespeicherte Wissen, ungleich älter als das der Menschheit, sagt Otobong Nkanga: „What millenium is it today? Does it matter? The land has been there much longer anyway.”

Die Ausstellung wird von Julienne Lorz, Daniel Milnes und Anna Schneider kuratiert. Der Katalog erscheint im Mai bei Prestel, hrsg. von Anna Schneider; 224 Seiten, ISBN 978-3-7913-5778-2.

Die Ausstellung wurde großzügig von der Art Mentor Foundation Lucerne gefördert.

Die Ausstellung wird um ein ausführliches Programm an Live-Events, Performances und Vorträgen ergänzt sowie von einer Publikation begleitet. Kuratiert von Julienne Lorz, Daniel Milnes und Anna Schneider

Fotos von der Eröffnung der Ausstellung:

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