2. Jul 2016 | Blog, Aktuell, Kulturveranstalter

Filmreihe »Unterwegs – Reisen im Film«

Birgit M. Widmann

foto reisen im film_filmmuseum muenchen

Filmreihe »Unterwegs – Reisen im Film« im Filmmuseum (3. bis 31. Juli)

Gezeigt werden 33 Spiel- und Dokumentarfilme aus 8 Jahrzehnten. Fantastische und metaphysische Reisen: Zum Auftakt Jules Vernes Romanverfilmung »In 80 Tagen um die Welt«.

Programmänderung:
Der Film IL GRIDO (DER SCHREI) von Michelangelo Antonioni am Mittwoch, 6. Juli um 20.00 Uhr wird in der italienischen Originalfassung mit deutschen (nicht mit englischen) Untertiteln gezeigt!

Homers Odyssee beginnt mit den Zeilen: »Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, welcher so weit geirrt …«. Der erzählerische Gestus, mit dem das Epos eröffnet wird, verweist darauf, dass die Reise immer schon im Mittelpunkt des Erzählens stand, in den großen Epen, in Märchen, Sagen, Legenden und Romanen – und auch in Filmen. Die Homer’sche Odyssee ist dabei so etwas wie das das erzählerische Ur-Modell der Reise, mit dem Aufbruch des Helden, mit den Abenteuern und Gefahren, denen er ausgesetzt ist, mit der Heimkehr am Ziel der Reise. Nicht von ungefähr liegt dem ersten STAR WARS-Film das von dem amerikanischen Mythenforscher Joseph Campbell entwickelte Konzept der Heldenreise als einer kulturübergreifenden »großen Erzählung« zugrunde. Seitdem ist die Heldenreise als erzählerische Grundstruktur vor allem im Hollywood-Blockbuster als Erfolgsformel fest etabliert, von STAR WARS über HARRY POTTER bis zum LORD OF THE RINGS.

Doch auch jenseits der großen Spektakelfilme ist das Konzept der Heldenreise ein guter Leitfaden angesichts einer fast unüberschaubaren Zahl filmischer Reisen. Eine der originellsten Verfilmungen der Odyssee lässt ihren Helden durch die amerikanischen Südstaaten der 1930er Jahre reisen: O BROTHER, WHERE ART THOU? von Joel und Ethan Coen beginnt mit den oben zitierten ersten Zeilen der Odyssee und ist »based upon ›The Odyssey‹ by Homer«. Dieses »based upon« ist dabei einerseits ein dicht an der Homer’schen Vorlage bleibender Film, was Figuren und Struktur der Reise betrifft, anderseits aber auch ein ironisch gezeichneter Kosmos des amerikanischen Südens mit den zentralen Ingredienzien Musik und Rassismus. Die Verschmelzung eines weltliterarischen Epos mit musikalischer und politischer Folklore macht den Reiz dieses Reisefilms aus, der auch dessen zentrale Charakteristika in sich vereint: Eine Flucht- und eine Suchbewegung. Sei es die Suche nach dem sagenhaften Goldland El Dorado in Werner Herzogs AGUIRRE, DER ZORN GOTTES, nach dem »Herz der Finsternis« in Francis Ford Coppolas APOCALYPSE NOW, nach den Angehörigen eines elternlosen kleinen Mädchens in ALICE IN DEN STÄDTEN von Wim Wenders oder nach dem unbekannten Vater irgendwo zwischen Patagonien und Mexiko in EL VIAJE (DIE REISE) von Fernando E. Solanas – immer ist die jeweilige Reise eine durchgehende Suchbewegung. John Fords THE SEARCHERS kündigt sie schon im Titel an. Man ist auf der Suche nach Schätzen wie dem Goldenen Vlies in JASON AND THE ARGONAUTS, noch unerforschten Territorien wie dem Süden Sibiriens in Akira Kurosawas DERSU UZALA oder fernen Welten wie in Christopher Nolans Zeitreise-Abenteuer INTERSTELLAR – im Grunde die Blockbuster-Version von Andrej Tarkovskijs SOLARIS.
Es ist auch Tarkovskij gewesen, der mit STALKER wohl eine der faszinierendsten filmischen Suchbewegungen als Reise in die Innenwelt einer verbotenen Zone inszeniert hat. Tarkovskij ließ neben sich nur wenige andere gelten, wie Robert Bresson, Akira Kurosawa und Ingmar Bergman, der in SMULTRONSTÄLLET (WILDE ERDBEEREN) die Reise eines alten Medizin-Professors zur Bilanz eines Lebens verdichtet. Er ist eine ebenso eindrucksvolle Bergman-Figur wie der von Max von Sydow gespielte Kreuzritter, der in der Mittelalter-Parabel DET SJUNDE INSEGLET (DAS SIEBENTE SIEGEL) durch ein von der Pest verwüstetes Schweden zieht.

Fantastische Reisen sind im Kino seit jeher ein beliebtes Sujet, weil sie sich gleichermaßen für buntes Fabulieren und das Abtauchen in ferne und fremde Welten oder Erfahrungsräume eignen wie auch für einen ethnographischen oder gesellschaftskritischen Zugang. Gerade die Mischung solcher Zutaten macht den Reiz von Filmen wie SILENT RUNNING von Douglas Trumbull, LIFE OF PI von Ang Lee oder JOHANNA D’ARC OF MONGOLIA von Ulrike Ottinger aus, so sehr sie sich auch thematisch und stilistisch unterscheiden mögen. Deshalb lässt sich das Kino der fantastischen Reisen auch inhaltlich und stilistisch keinem Genre zuordnen.

Weiter im Text von Ernst Schreckenberg und zum Programm der Filmreihe (3. bis 31. Juli 2016)

Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München
Tel. +49-(0)89-233-22370
Fax +49-(0)89-233-25033
E-Mail: stadtmuseum(at)muenchen.de

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